Am Arsch – Die Pampa Teil 2

Am Arsch – Die Pampa
Teil 2
Landpartie – Nah am Wasser, nah am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die A2, bekanntermaßen eine der meistfrequentierten Bundesautobahnen und Ost- West- Achse quer durch die Republik, auch extrem stauverwöhnt, sollte nur so lange wie unbedingt nötig die gewählte Reiseroute sein. Da die Hauptstadtfrau nicht nur Berlin ihr Domizil nennt, sondern sich früher „unterm Schwanz“ verabredete, weiß sie um die Verkehrssituation rund um die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover. Unterm Schwanz meint den Treffpunkt unter dem Schweif eines Pferdes auf dem Reiterstandbild vor dem Hannöverschen Hauptbahnhof.

Ein Denkmal, einst zu Ehren Ernst Augusts, des Landesherrn des ehemaligen Königreichs Hannover, aus Granit geklöppelt und bedeutungsschwanger beschriftet. „Dem Landesvater Sein Treues Volk“. Genau so steht es dort, deutlich lesbar. Nun verkommt die deutsche Sprache ja zusehends, wie man tagtäglich im Privatfernsehen miterleben kann. Doch, dass schon damals der Dativ dem Genitiv sein Tod war, empfand ich seinerzeit vor zwanzig Jahren schon als recht befremdlich.
Die Niedersachsen, besungen sturmfest und erdverwachsen, weisen in unterschiedlichen Regionen schon eine sonderbare Mundart auf, doch eine solch missverständliche Inschrift an exponierter, kulturell bedeutender Stelle tat ja nun wirklich nicht Not.

Doch weiter zur Reise in die Sommerfrische. Die verregnete. Zuweilen erwies es sich als klug, diese Landeshauptstadt zu umfahren, anstatt auf der A2 sich ab Hämelerwald sich die Reifen ins Chassis zu stehen. Und zu erleben, wie man ohne tatsächlichen Grund einen Stau erzeugen kann. Somit fuhr ich wissend wohlgelaunt an der Ausfahrt Peine ab. Die Strecke über frustrierend klingende Käffer wie Sehnde war mir bestens bekannt. Mein Navi, in seiner jüngst erstandenen eigenen Halterung, wies den ohnehin bekannten Weg. Doppelt hält besser. On the road zeigte ein Schild plötzlich an, dass eine Weiterfahrt in Richtung Hannover nicht möglich sei. Da auch andere Autos trotz dieses Hinweises die Strecke weiter fuhren, tat ich es ihnen nach. Auch die ersten Fahrzeuge, die vor einer Barrikade gewendet hatten, hielten mich auch nicht ab, Hönne bis direkt vor die Absperrung zu fahren. Ich stieg aus und sah ein Stück Straße, dass mir allerhöchstens wie 500 Meter erschien, auf dem die Straßendecke minimal abgetragen war. Ein orange befrackter Straßenarbeiter war zugegen, diesen befragte ich, wie ich denn nun nach Hannover, bzw. noch weiter ins Weserbergland gelangen könne. Hier nicht! bedeutete er mir, als hätte ich es selbst noch nicht bemerkt. Ich fühlte mich fast ein bisschen wie in Berlin, woher ich derlei bestusste und plumpe Antworten gewohnt war. Aber wie denn dann? Können Sie mich nicht eben durchlassen? Ich komme ganz aus Berlin, und jetzt strande ich hier, vor Ihrer Absperrung. Das ist doch ein so kurzes Stück. Das ist 1 Kilometer! belehrte mich die Orange in Latzhose. Im Leben nicht, dachte ich. Bei den Bundesjugendspielen waren das auch 500 Meter, auf denen ich keine Urkunde erlaufen konnte. Die Strecke kannte ich wieder. Doch Männer haben ja bekanntlich ein etwas gestörtes Verhältnis zu Längenangaben.
Ich resignierte. Mein Charme war wirkungslos an ihm abgeprallt. Fahren Sie die Umleitung, erst links, dann rechts. Nun wusste ich bescheid und stieg wieder ein. Zumindest hatte ich nichts unversucht gelassen, was sich im angemessenen Rahmen bewegte. Hätte der freundliche Arbeiter etwas zeitiger seinen Feierabend angetreten, hätte Fraukules -schwupps- mal die Absperrung ein wenig beiseite gerückt. So, wie sie es von den immer neu aufgestellten Halteverbotszeichen in ihrer Straße kannte, die auch ein bisschen korrigiert werden mussten, damit es keinen Bon mit Zahlungsaufforderung an der Scheibe gab. Aber so?

Man konnte hier mitten im Nichts eine Ahnung davon bekommen, wo die hart erarbeiteten Steuergelder mit vollen Händen rausgeworfen wurden. Direkt auf die Straße. Auf dem platten Land. Wo eh kaum jemand langfährt. Und wenn sich mal jemand dorthin verirrt, dann ist leider gesperrt.

Von nun an begann eine Irrfahrt der besonderen Art. Mein Navi leitete mich diverse Wege, an die ich in meiner totalen Orientierungsfreiheit gern glaubte. Ganz gleich, welche Richtung ich nahm ich stieß an Grenzen. Ortsdurchfahrten im Nirgendwo auf dem flachen Lande waren reihenweise, aus unersichtlichen Gründen, gesperrt.
Mein Navi plärrte unentwegt, ich solle rechts abbiegen oder, wenn möglich wenden. Mach ich nicht, halt die Schnauze! Ich war gereizt. Vielleicht war das Frau Tomtoms Rache dafür, dass ich ihr qua Änderung des Menüs das Nutzen von Autobahnen verboten hatte. Kleinliche Schlampe, dachte ich. Das wollen wir doch mal sehen. Ich kurvte planlos durch die Wallachei, während das Navi mich fortwährend zu Abbiege- oder Wendemanöver bewegen wollte. Die schöne Landschaft flog unbeachtet an mir vorbei. Mein Adrenalinpegel auf seinem persönlichen Höchststand, die Nerven vollends blank.
Die gesamte niedersächsische Provinz schien sich verabredet verbarrikadiert zu haben. Ich war am Ende. Nicht ahnend, dass ich mich erst am Anfang einer nicht enden wollenden Odyssee befand.

Das Navi ließ mich rechts abbiegen nach Klein Sowieso, doch selbst dort war dort eine Durchfahrt nicht möglich. Großauftritt für Klein Sowieso. Ich ignorierte fortan sämtliche Aufforderung von Frau Tomtom, und versuchte es mit der eigenen Orientierung. Keine besonders gute Idee. Ich landete im Raum Gleidingen, Ingeln- Oesselse. Auch schön. Doch leider war auch hier der Weiterfahrt ein erneutes, jähes Ende gesetzt in Gestalt einer gefluteten Niederung. Ruthe geht baden! hätte auf dem Schild stehen sollen, das ich einfach ignorierte. Die Straße führte wie ein langer Bootssteg auf eine Unterführung zu. Eigentlich ganz romantisch, wenn hier nicht Schluss gewesen wäre. Einige SUV pflügten durch die Wassermassen, die rechts und links nur so spritzten. Das konnte ich nicht machen, das wäre Hönnes Todesstoß gewesen. Ich musste auf dem schmalen Grat wenden, ohne zu allem Luxus noch in einer nassen Wiese steckenzubleiben. In Ruthe.
Auf dem Sofa in Berlin sieht man ganz entspannt vom Hochwasser im Fernsehen. Doch so live davon betroffen war das Ganze schon unangenehm.
Es ging wie gehabt weiter, ohne Rücksicht auf ramponierte Nerven. Was mir in diesem Moment nicht bewusst war: Ich befand mich definitiv auf der falschen Seite sämtlicher über die Ufer getretenen Gewässer. Mein Reiseziel lag offensichtlich unerreichbar hinter dem anderen Ufern der Innerste, die aufs Äußerste angeschwollen war. Beziehungsweise der Weser, die mit ihrem heutigen Hochwasserstand jeder Rattenplage auch ohne legendären Fänger ein Ende bereitet hätte.

In mir hatte sich ein beachtlicher Druck aufgebaut, als hätte ich eine Kartusche Campinggas zum Frühstück genossen. Alles um mich herum wurde egal. Tunnelblick. Offenbar kein Entrinnen aus dem Wasserlabyrinth. Ich bog, einem Nervenkasper nahe, in einen Seitenweg ein und hielt erst einmal an. Ein gellender Urschrei, der Tarzan hätte erblassen lassen, erschütterte die Szenerie. Vernommen von zwei erstaunten Radfahrern, die unerwartet aus dem Nichts auftauchten, vermutlich durch das Wasser von der anderen Seite gekommen. Auf einer verlassenen Stichstraße im Grünen wurden sie unfreiwillig Zeugen eines Dramas auf vier Rädern:
Eine scheinbar komplett verrückte gewordene oder an Veitstanz erkrankte Frau, die wie angestochen in ein Smartphone schrie. Damit hatten sie wohl nicht gerechnet. Irgendwo zwischen Giften und Barnten. Kennen Sie doch sicherlich? Aus der nahen Psychiatrie in Köthenwalde konnte sie nicht sein, denn der Weg dorthin war unter Wasser…

Ich hatte inzwischen versucht, meine Freundin zu erreichen.
Sie nahm ab und meldete sich erfreut, was sie spätestens in der nächsten Sekunde bereut haben dürfte. Abgehoben zu haben. Am Arsch, die Pampa, ich komme niemals an, krisch es ihr hysterisch aus dem Hörer entgegen. Mit einem nachmittäglichen Anruf aus der Irrenanstalt, zumal mit meiner Nummer, hatte sie nicht gerechnet. Seit Stunden kreise ich hier im Niemandsland! Überall Barrikaden! An den sinnfreiesten Stellen! Und dann überall Sperrungen wegen Hochwassers. Ich dreh durch!! Genau genommen war ich schon mittendrin, im Durchdrehen. Weißt du, wo du bist? kam es zaghaft aus dem Hörer. Erwecke ich den Eindruck, als ob ich das wüsste? brüllte ich zurück. An das Hochwasser habe ich gar nicht mehr gedacht, ließ sie dann vermelden. Ja, ich noch weniger, sonst hätte ich dieses Himmelfahrtskommando besser sein gelassen. Ich fahr jetzt zurück. Ich habe die Faxen dick! machte ich meinen äußerst erhitzten Mütchen Luft, in einer Lautstärke von geschätzten 90 Dezibel. Vermutlich vernahm man im nahen Giften, dass irgendjemand, mit der Stimmlage einer hochtourig drehenden Bohrmaschine, seine Rückreise verkündete. Das war nun die mit Abstand blödeste Idee. Das fiel selbst mir in meiner Rage auf. Aber es tat zumindest gut, damit gedroht zu haben. Ist irgendwo eine Gaststätte in der Nähe? kam eine konstruktiv gemeinte Frage durch das Telefon. Diese Frage erschien mir in meinem Ausnahmeszustand irgendwie fehl am Platz. Soll ich jetzt vielleicht zu lecker Kaffee und Kuchen einkehren? Oder vielleicht doch eher ein Bauernfrühstück, schön mit Gurke und Petersiliensträußchen? fragte ich. Nein, zum Beispiel ein Wasser trinken. Und mal raus aus dem Auto. Wasser habe ich dabei, teilte ich ihr in unverminderter Lautstärke mit. Und Aussteigen ist ja wohl kaum die Lösung, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass Hönne danach auch wieder anspringt. Ich hielt es für die bessere Idee, langsam an die beiden Radler heran zu rollen, die an der Einmündung zur Straße nach Nordstemmen (?) standen und sich unterhielten. Ich schaute die Herren aus verzweifelten Pandaaugen an. Mein Make up hatte sich irgendwann verabschiedet. Mein Look schien meine Bedürftigkeit zu unterstreichen, denn die Männer überschlugen sich in ihrer Hilfsbereitschaft. Den Hörer noch in der Hand antwortete ich auf ihre Frage nach dem Ziel meiner Reise: Böbber! Fragezeichen in vier Männeraugen. Wo bitte ist das?
Der Panda reichte dem jüngeren von beiden wortlos das Smartphone mit der Freundin. Bad Münder, antwortete diese deutlich brauchbarer. Ah, dann fahren sie über Barnten, Giften, Sarstedt…

Nicht vom Himmel hoch, sondern von genau dort kam ich her. Letztlich landete ich auf der A2, die ich unbedingt meiden wollte. Quengelte mich fast dankbar durch eine zwölf Kilometer lange Baustelle, um dann zwei Stunden später als geplant anzukommen. Das Rehaprogramm startete umgehend, so dass bleibende Folgeschäden nicht zu beklagen sind.

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