Hauptstadtfrau oder Hansestadtfrau?

Alles hat seine Zeit. Berlin ist immer eine Reise wert, unter Umständen auch eine längere. Nach neun Jahren nun ist wirklich alles erlebt, ausgereizt, und auch die längste Reise geht irgendwann einmal zuende. Bevor Frau nun endgültig an das Gefühl zu glauben beginnt, unsichtbar oder grottenhässlich und unattraktiv zu sein, nur weil gefühlt alle Berliner Männer durch sie hindurch laufen. Wobei unerheblich ist, ob sie sich hochgeschlossen, in schrillen Neonfarben, aufgerüscht oder kniefrei bis zum Hals präsentiert,- auf den Straßen und in den Lokalen Berlins ist sie unsichtbar. Männer nehmen sie nicht wahr.  Damit sind nicht die gestressten Prenzelberger Vorzeigepapis in ihren Prenzelberger Vorzeigebeziehungen, Prenzelberger Vorzeigedachgeschosswohnungen, ihren Prenzelberger Vorzeigejobs oder ihren multitalentierten, mehrsprachigen, hochbegabten Vorzeigekindern mit intellektuell- bourgeoisenen Vorzeigenamen gemeint. Ebenfalls nicht gemeint sind die zahlreichen Männer, die sich auf mehreren Datingportalen gleichzeitig registrieren. Deren wahre Interessen nicht alle 11 Minuten auf eine Beziehung abzielen, sondern die vielmehr auf einen Seitensprung, ONS, Blowjob, Things, his wife refuses to do, oder aber im Bestfall auf beziehungsähnliche Unverbindlichkeit hinauslaufen. Es wird es Zeit für den ultimativen, gelebten Gegenbeweis. Im Auftrag der Rettung des restlich verbliebenen Selbstbewusstseins. Tschakka!

In der Hauptstadt läuft eine halbwegs attraktive Frau 40+ tatsächlich eher Gefahr, von einem freilebenden Grizzly  mitten auf dem Alexanderplatz, direkt vorm Entrée der Sparkasse, handyvideotauglich, socialmediawirksam und millionenklickgewiss gerissen zu werden, als einem nichtgestörten, nicht narzisstischen, tatsächlich heterosexuellen, sexuell präferenztechnisch im Normbereich gelagerten, ungebundenen, halbwegs aufgeräumten Mann zu begegnen, der sich zu allem Luxus auch noch auf eine ernstgemeinte Beziehung einlassen möchte.

Und der misst dann, bei all diesen herausragenden Eigenschaften, idealerweise auch noch mehr als 148 cm. Also Körpergröße, natürlich. Hat den Mund voller Zähne. Den Kopf voller Haare. Nicht den Rücken, die Ohren oder die Nasenlöcher. Und geht nicht überall, ohne Vorlage seines amtlichen Lichtbildausweises, als eineiiger Zwillingsbruder von Quasimodo durch. Da! Schau! Ein Einhorn!

Männer in Berlin sind nun das eine Problem, Arbeit in Berlin das andere. Natürlich bekommt man in Berlin,, auch als nicht verbeamteter Ellbogenschonerträger, anzugtragender Sesselanwärmer im Staatsdienst oder diversen höheren Bundesämtern eine Anstellung. Sofern man allerdings etwas flexibler ist als sonst schon, anderswo im Rest der Republik. Aber, ist es nicht so: Hauptsache Berlin! Man gönnt sich ja sonst nichts. Wovon auch? Die erhebliche Mehrfachbelastung eines Multijobbers, auf befristetem Pöstchen, im Mindestlohnbereich, sollte man keinesfalls scheuen, wollte man sich aus eigener Kraft durchbringen. Doch, mal ganz ehrlich, wer möchte schon von seinem Einkommen leben können? Einem das Überleben sichernden Gehalt, das man in einer einzigen, angemessenen Vollzeitbeschäftigung erarbeiten kann? In Berlin! Also wirklich, irgendwo wollen wir doch mal realistisch bleiben. Wer will sich Freizeit leisten, sogar einmal einen Urlaub? Wer hat schon ein Bedürfnis nach ein wenig Sicherheit in der Stadt, die alles bietet. Gut betuchten Touristen zum Beispiel. Oder den wohlhabenden Pensionären, die sich kurz vor dem Ruhestand eben schnell noch eine letzte Stufe ihrer Beamtenlaufbahn hochgeschlafen haben. Ein Berliner Klein- oder Normalverdiener mit Kunst- und Kulturbedürfnis kann sich, wenn der stramme Dienstplan es zulässt, am Vormittag ein öffentliches, kostenloses Probenkonzert der Berliner Philharmoniker anhören. Denn für eine Abendveranstaltung reicht das Geld selbst auf einem Sitzplatz mit eingeschränkter Sicht, sprich, hinter einem dicken Pfeiler, nicht. Da steht vielmehr zur Überlegung an: Gehe ich ins Konzert, oder kaufe ich stattdessen für einen halben Monat Lebensmittel ein, für mich und meine Kinder.

Die Hauptstadtfrau hat weder Kinder zu versorgen, noch wartet sich auf die Begegnung mit dem Grizzly. Sie ist einfach schlicht und ergreifend berlinmüde. War doch die schnodderige, unfreundliche Art der Möchtegernberliner eingangs so charmant und authentisch, so ist sie irgendwann nur noch unerträglich, ungehobelt und ungezogen. Jedem Anfang wohnt, so Hesse, ein Zauber inne. Doch verbraucht sich dieser nachhaltig in der Berliner Luft,  wenn man irgendwann feststellt, dass es nicht die einst so vielgepriesene Berliner Schnauze mit Herz ist, die einen frühmorgens auf dem Gehweg unvermittelt, grundlos, aufs Unflätigste tief unter der Gürtellinie anpöbelt. Sondern dass es sich hier, ganz unromantisch betrachtet, um Menschen ohne jedes Benehmen handelt, die sich einfach mal ganz ungebremst ausleben. Und irgendwie scheint Berlin sie alle eingeladen zu haben, die Ungehobelten und Unfreundlichen. Wir schaffen das! hat sich Berlin dabei wohl gedacht.

Ob die Hauptstadtfrau nun ausgerechnet bei den steifen, kühlen Hanseaten richtig sein würde? unkten einige Stimmen. Die Klischeeschublade ist bekanntlich schnell aufgerissen. Abwarten, sagte die Hauptstadtfrau sich im Stillen. Manchmal weiß Frau einfach, dass sie aufbrechen muss zu neuen Ufern. Gesagt getan.  Nicht ahnend, dass sie sich kurze Zeit später wie Misses Murphy herself fühlen würde, ob all der unfassbaren Ereignisse, die sie erleben würde. Alles was passieren konnte, passierte. Doch dazu später mehr. Vielleicht.

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