Sommer in der Winterwohnung

Da es also an Schwachsinn grenzt, ernsthaft daran zu denken, seine Wohnung zu kündigen, hockt jeder auf seinen mehreren oder wenigeren Quadratmetern Berlin. Und arrangiert sich mit seinen Gegebenheiten, so gut es geht. Ist die Wohnung zu groß geworden, weil wieder einmal eine Beziehung ihren Atem ausgehaucht hat, wird überflüssiger Wohnraum gewinnbringend bei airbnb untervermietet. Manche Wohnung im Kiez der Begierde ist ohnehin nur noch für Touristen verfügbar. Warum kündigen, wenn sich ein gutes Geschäft machen lässt mit der eigenen, ungenutzten Wohnung?

Ich habe definitiv ein Zimmer zu wenig. Doch ich unterstehe mich, hier auszuziehen. Selbst dann, wenn die Prenzelpuppenstube, klein und niedlich, auf einmal mehr noch als sonst eine Herausforderung darstellt. Weil Frau, ganz plötzlich und unerwartet, nicht mehr als unbemanntes Raumschiff durchs Großstadtleben schwebt. Und nun ihre raumgreifende Fernbeziehung in die beengten Wohnverhältnisse harmonisch zu integrieren versucht. In den ersten Wochen und Monaten, okay. Da genügt das Bett. Und auch ansonsten kann es gar nicht eng genug sein. Damit wäre das eine der beiden kleinen Zimmer des Hauptstadtfrauendomizils hinlänglich ausgelastet. Die restlich verbleibenden wenigen Quadratmeter, verteilt auf Küche, Wohnraum und Bad sind in Relation gesehen pro Person allerdings deutlich weniger Platz als der, der einem deutschen Knasthähnchen laut Gesetz zusteht. Und das kann definitiv nicht gesund sein. Oder gar gut gehen. Illusorisch. Und so kam es dann auch. Das Aus. Tja, Schwund ist immer. Der Kerl ist weg, – die Wohnung bleibt.
Mit allen Abstrichen, die Frau in den Sommermonaten machen muss.

Der menschliche Körper verfügt glücklicherweise über Mechanismen, die ihn samt seinem Inhaber schützen. Der Thalamus zum Beispiel ist hierbei äußerst hilfreich, weil er wiederkehrend auftretende Geräusche wegfiltert. Sehr gut. Nächtliches Lustgeschrei. Lautstarke Dissonanzen aus den Dachgeschossen mit bodentiefen Fenstern, wenn die Geigen mal wieder tief hängen. Anschließenden Versöhnungssex inklusive. Vorzeige- Paare, die sich draußen auf den diversen Spielplätzen in Sachen Lächeln und Glücklichsein gegenseitig übertreffen. Die rechnen nicht mit dem exzellenten Stimmengedächtnis einer Hauptstadtfrau. Stimme und Stimmgeber sind schnell zugeordnet. Dann gibt es draußen schon mal einen wissenden Blick à la: Ich weiß, was letzte Nacht bei euch los war. Ach ja, der heile Prenzelberg. Traumkiez ohne jegliche Privatsphäre.

Die diversen nächtlichen akustischen Ereignisse stören irgendwann den Schlaf nicht mehr. Man muss einfach nur lange genug hier wohnen und seinen Thalamus trainieren. Als meine Freundin zu Besuch war, und in der eigens angemieteten Gästewohnung zwei Treppen tiefer eine unfreiwillige Nachtwache einlegte, weil im Innenhof Tekknomusik in Konzertlautstärke ertönte, schlief ich tief und fest. Komatös. Training ist eben alles. Trotzdem beruhigend zu wissen: Der nächste Winter kommt. Ganz bestimmt. Und mit ihm die himmlische Ruhe zurück.

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